17.01.06 09:08 Alter: 12 yrs

Die Stadt packt die Bergianer in Watte, Artikel aus der Stuttgarter Zeitung


Die Stadt packt die Bergianer in Watte Im traditionsreichen Mineralbad Berg beginnt eine neue Ära - Der Exinhaber Ludwig Blankenhorn ist in die Schweiz übergesiedelt Im 150. Jahr seines Bestehens kommt das Mineralbad Berg unter die Fittiche der Stadt. Nach dem Verkauf durch Ludwig Blankenhorn hat jetzt der städtische Bäderchef Richard Joos das Sagen. Seine Linie lautet: "Wir werden den besonderen Charakter des Bades erhalten." Von Thomas Borgmann Am 2. Januar, pünktlich um 6 Uhr früh, hat im "Neuner", wie das Bad seit Anbeginn im Volksmund heißt, die neue Zeit begonnen. Dazu hatte sich Richard Joos etwas Besonderes einfallen lassen: Mit Sekt und Saft empfing er an diesem Morgen die Bergianer - Stammgäste, von denen viele seit Jahrzehnten auf dieses schwäbische Kultbad schwören. Monatelang hatten die zumeist älteren Damen und Herren vor diesem Tag gebibbert: Was wird aus dem ihnen so lieb gewonnenen Berg, wenn es nach fünf Generationen im Besitz der Familien Neuner und Blankenhorn in die Obhut der Stadt gelangt? Doch Bäderchef Richard Joos vermochte gleich zu Beginn alle Zweifel und Sorgen zu zerstreuen: "Oberbürgermeister Schuster und der Stadtkämmerer Föll haben versprochen, dass der Charakter und der Geist des Bades bewahrt werden - daran halten wir uns." Weder an den Eintrittspreisen noch an den Öffnungszeiten werde sich in absehbarer Zeit etwas ändern. Um den Wünschen der Badegäste entgegenzukommen, hat Joos bereits einen blauen "Kummerkasten" installieren lassen, in den jeder seinen Kropf leeren könne. Alle dreißig Mitarbeiter behielten wie zugesagt ihre Arbeitsplätze; sie dürfen künftig mit sozialen Leistungen der Stadt rechnen, die ihnen ihr privater Arbeitgeber nicht bieten konnte. Aus Gründen des Aktienrechts wird das blankenhornsche Personal erst Mitte des Jahres zu städtischen Mitarbeitern. Peter Linn, pensionierter städtischer Mitarbeiter und so etwas wie das Sprachrohr der Badegäste, sagt: "Im Herbst habe ich eine Unterschriftenaktion ins Leben gerufen. Mehr als 1700 Badegäste haben meinen Brief an den Kämmerer Michael Föll unterzeichnet, in dem wir darum gebeten haben, das Neuner als ein Stück Stuttgarter Kultur möglichst so weiterzuführen, wie es ist." Der Auftakt sei "außerordentlich positiv" verlaufen - alle Bergianer freuten sich, wie Bäderchef Joos auf sie zugegangen sei. Aber sie wüssten natürlich, dass es auf die Dauer nicht ohne Änderungen gehen werde: "Dass die Stadt irgendwann die Eintrittspreise anpassen muss, ist uns klar. Und dass man Werbung betreiben muss, damit mehr junge Leute kommen und die Bergianer nicht eines Tages aussterben, wissen wir." Seit Jahren waren die Besucherzahlen rückläufig, 2005 kamen nur 136 000 Besucher - zu wenig für ein Bad dieser Art und Größe. Die Übernahme der 70-Prozent-Aktienmehrheit von Ludwig Blankenhorn durch die Stadt sichert die Zukunft des Mineralbads. Gemeinsam mit dem Leuze und dem Mineralbad Cannstatt soll, so hat Kämmerer Föll versichert, eine "Trilogie" entstehen - jedes von ihnen mit eigenen Konzept und spezieller Kundschaft. Für das Neuner bedeutet dies: Ruhe und Nostalgie in einem Ambiente, das an das alte Stuttgart erinnert. Zwar mussten jetzt die Stahlbäder geschlossen werden, weil man in Cannstatt moderne Anlagen besitzt - das aber, so versichert Peter Linn, sei "kein Beinbruch". Und noch eine Neuerung: Seit dem 2. Januar gibt es im Berg eine ständige Badeaufsicht, weil die Stadt ihre Aufsichtspflicht strikt wahrnimmt. Auch das nennt Peter Linn "sehr positiv". Trotz alledem, im Umfeld des Mineralbads Berg wird sich in naher Zukunft einiges ändern. Der Karlsruher Unternehmer Hans Ruhland, auf private Kliniken spezialisiert, möchte, wie wiederholt berichtet, in unmittelbarer Nachbarschaft ein Hotel- und Gesundheitszentrum errichten. Kostenpunkt: 60 Millionen Euro. Noch wird an den Plänen gebastelt; Ende des Jahres will man mit den Bauarbeiten beginnen. Zugleich wird die Stadt die Verkehrs- und Parkplatzsituation zwischen Leuze und Neuner neu ordnen. Dazu gehört der Bau eines Parkhauses auf dem heutigen Leuze-Parkplatz. Das alles wird für die Bergianer vielerlei Unbilden mit sich bringen. Doch das, so versichert Peter Linn, ficht niemanden von ihnen an, Hauptsache, die Stadt hält ihre Zusagen ein. Eines allerdings enttäuscht die Mitarbeiter und verwundert die Stammgäste: Ludwig Blankenhorn, der langjährige Inhaber, hat sich zum Jahresende sang- und klanglos aus dem Staub gemacht. Das Ende einer historischen Ära war ihm kein Abschiedsfest wert, seinen Mitarbeitern zahlte er nicht einmal mehr das verdiente Weihnachtsgeld. Von seinem 10-Millionen-Euro-Geschäft mit der Stadt hat er sich im schweizerischen Thurgau, wo er nun lebt, eine schmucke Villa gekauft. Vom guten Geist der Bergianer will Ludwig Blankenhorn offensichtlich nichts mehr wissen. Ein schwacher Abgang. Quelle: Stuttgarter Zeitung