10.03.06 13:39 Alter: 11 yrs

Bäderstadt mit schwarzer Lunge - Artikel aus dem Stuttgarter Wochenblatt


Der Verein Berger Bürger hat derzeit rund 720 Mitglieder – und er wächst stetig. Besorgt um den Stadtteil Berg und dessen Anwohner, nimmt sich der Verein Missständen jeglicher Art an. Das derzeit gravierendste Problem sieht der Verein derzeit in der Verkehrssituation. Die Attraktionen in Berg werden immer mehr, die Infrastruktur bleibe gleich, bemängeln die engagierten Herren. Darum soll die Zufahrt zu den Mineralbädern durch einen separaten „Bädertunnel“ parallel zum Schwanentunnel erfolgen, fordern sie. BERG – Allein im Mineralbad Leuze sind die Besucherzahlen in den letzten 30 Jahren von 190 000 auf 900 000 pro Jahr gestiegen, neu hinzugekommen als weiterer Publikumsmagnet ist das Kinderland. Das Kult-Mineralbad Berg wird derzeit jährlich von rund 300 000 Besuchern beschwommen. Der Berger Bürgerverein geht aktuell, Großveranstaltungen und Spaziergänge im Park miteinbezogen, von rund 1,5 Millionen Besuchern pro Jahr aus. Mehr Besucher bedeuten natürlich auch mehr Autos, mehr Autos bedeuten mehr Verkehr und mehr Verkehr beutetet vor allem eines: mehr Staus, mehr Lärm, mehr Abgase und mehr Feinstaub. „Es kommen immer mehr Attraktionen hinzu, die Besucherzahl hat sich verfünffacht.“ "Dagegen ist nichts einzuwenden, aber die Infrastruktur müsste sich im Gegenzug dazu auch verändern. Es ist einfach widersprüchlich: Auf der einen Seite verspricht der Stadtteil Berg Wellness, auf der anderen Seite nimmt der Verkehr zu", findet Möller. "Wir sind absolut nicht gegen Bäder", stellt Stimpfig klar, "im Gegenteil. Die Bäderachse hat es verdient, dass sie ordentlich befahren werden kann." Es gehe dabei nicht nur um die belasteteten Bewohner Bergs. Auch für die Besucher solle der Stadtteil attraktiv sein. Das große Ziel des Vereins sei es, einen fließenden Verkehr zu gewährleisten, den Anliegerverkehr vom externen Besucherverkehr abzukoppeln, erklärt Möller. "Der Verkehr der Besucher und der Anwohner gehört konsequent getrennt." Den Verantwortlichen der Stadtverwaltung haben die Berger Bürger längst "ein klares Konzept an die Hand gegeben". Die vom Verein vorgeschlagene und angestrebte Lösung heißt Bädertunnel. Die Zufahrt zu den Mineralbädern soll über eine so genannte Einhausung parallel zum Schwanentunnel erfolgen. Ein Architekt, ebenfalls engagiert im Verein Berger Bürger, habe sich bereits vor zwei Jahren an die Ausarbeitung dieser Lösung gemacht. "Seit zwei Jahren ist der Stadt diese Lösung bekannt, passiert ist bislang fast nichts." Die einzige Maßnahme, die wohl Ende des Jahres mit der Fertigstellung des Leuze-Parkhauses realisiert werden soll, ist die Verbreiterung der Zufahrt Nißlestraße. "Dadurch ändert sich gar nichts. Es mag dann zwar ein bisschen schöner aussehen, aber aus der Bäderstadt mit schwarzer Lunge wird trotzdem keine Bäderstadt mit grüner Lunge. Die einzige schmale Straße dient als Schleichweg von der B 10 / B 14 zur Innenstadt und umgekehrt, der Verkehr staut sich am hoch frequentierten U-Bahn-Übergang Kuhnstraße bei jeder Gelegenheit", klagt Möller. Das Amt für Stadtplanung und Stadtentwicklung hat die Pläne des Vereins geprüft und als technisch machbar eingestuft. Die Kosten sollen sich laut Untersuchung durch die Stadtverwaltung auf sechs Millionen Euro belaufen. "Das ist eine Investition in die Zukunft", finden Möller und Stimpfig. Bürgermeister Michael Föll wolle die Mineralbäder Stuttgarts auf der einen Seite bekannt machen, sei jedoch auf der anderen Seite nicht bereit, in den Stadtteil zu investieren. "Dabei hat er ihm schon viel Geld eingebracht, zum Beispiel durch den Verkauf des Frauenklinik-Areals." Der Stadtteil Berg mit seinen beliebten Mineralbädern, dem Hotel und Gesundheitszentrum, das derzeit entsteht und bald wohl viele weitere Besucher anlocken wird, müsse attraktiver gestaltet werden - vor allem, was die Verkehrsführung anbelangt. "Die Besucher gehen ja auch in die Stadt und lassen da ihr Geld liegen, sie nutzen Geschäfte und Gastronomie. Alle profitieren von den Anziehungspunkten in Berg. Wer auf der Bundesstraße eine eigene, gut beschilderte Zufahrt hat, kommt sicherlich gerne wieder", ist sich Stimpfig sicher. "So eine Attraktion muss gut erreichbar sein, man kann sie die Leute doch nicht über Feldwege erst einmal ewig suchen lassen", findet auch Möller. Und Stimpfig kann an einem Beispiel das "schwäbische Understatement, das fehlende Weltstadtflair" belegen: "Ich habe neulich im 30 Kilometer entfernten Sulzbach einen gefragt, ob er das Leuze kennt. Er verneinte." Den Kampf um eine separate Zufahrt gibt der Verein nicht auf. (c) Stuttgarter Wochenblatt